Leseprobe aus "Die Schwester der Nonne":

Klaus fühlte sich wie im Paradies. Und dass sich Katharina noch neben ihn auf die Küchenbank setzte und beim Essen zusah, erhitzte ihn innerlich. Plötzlich sprang sie auf und holte einen Becher Wein, den sie mit Wasser mischte und stellte ihn vor Klaus auf den Tisch. "Es ist mir eine große Freude, dass Ihr den Magister begleitet habt", sagte sie und senkte schnell den Blick.
"Hmmmmpf!" Klaus kaute und stopfte. Walburga beglückte ihn noch mit einem Kanten Brot.
"Kommt Ihr morgen auch wieder mit?"
Er zuckte mit den Schultern und spülte alles mit Wein herunter. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Mund ab. "Wenn Ihr es wünscht, holde Dame, und der Magister es erlaubt "
"O ja, wir wünschen es, nicht wahr, Maria?" Doch Maria hatte die Küche schon wieder verlassen. Ihr waren die Anbiederungsversuche ihrer Schwester zu peinlich. Sie würde oben in der Kammer ein paar Worte mit ihr reden müssen.
Klaus beugte sich über den Tisch, in der Hoffnung, dass Katharina sich auch weit nach vorn beugte und zog ein verschwörerisches Gesicht. "Ihr besitzt tatsächlich so eine Bibelübersetzung?"
Sein Plan ging auf. Katharina beugte sich vor und nickte mit einem ebenso verschwörerischen Blick.
"Und Ihr habt keine Angst, dafür in der Hölle schmoren zu müssen?"
"Nein. Außerdem können wir auch die Bibel auf Latein lesen." Sie beugte sich noch ein Stück weiter vor. "Dabei haben wir festgestellt, dass Pater Gregorius zur letzten Messe sie falsch zitierte. Es wird wohl niemandem weiter aufgefallen sein, weil ja niemand des Lateinischen mächtig ist von denen, die die Messe besuchten. Außer den Studiosi vielleicht, aber da waren keine " Sie stockte und schaute ihn mit großen Augen an. "Warum kommt Ihr eigentlich nicht in die Sonntagsmesse?"
"In welche Messe geht Ihr denn?", wollte Klaus wissen.
"In die der Thomaskirche.
"Oh äh ich gehe immer in die der Paulinerkirche. Ist näher an unserem Quartier."
"Wo wohnt Ihr denn? In einer der Bursen?"
"Nein, beim Magister Siebenpfeiffer höchstpersönlich."
"Und was hindert Euch daran, zur Messe in die Thomaskirche zu kommen?", wollte Katharina wissen.
"N nichts. Der Weg ist nur etwas weiter. Warum sollte ich denn?"
"Weil wir uns dann sehen könnten", raunte sie.
Er starrte sie an und vergaß, weiterzukauen. "Ja", meinte er schließlich, "das ist eine gute Idee."
Katharina kicherte verstohlen und rieb sich die Hände. "Und keiner weiß es! Das wird ein richtiges Geheimnis zwischen uns!"
Die Röte seiner Ohren breitete sich nun auch auf seinen Wangen aus. Was tat sich da für eine wundersame Gelegenheit für ihn auf!
Plötzlich stand der Magister in der Küchentür. "Agricola, es ziemt sich nicht, seinen Professor warten zu lassen. Wir müssen uns sputen, damit die Seminare pünktlich beginnen."
"Verzeiht, Herr Magister, das köstliche Essen hielt mich auf." Er sprang auf. Katharina steckte ihm heimlich einen Apfel in den Ärmel seines Gewandes.
"Wohl eher etwas anderes, das Euch aufhält. Verbrennt Euch nicht die Finger."
Klaus verschränkte die Arme hinter dem Rücken und grinste schief, während Katharina ihm zum Abschied winkte und mit einem Auge blinzelte. Der Magister bedankte sich in seiner eigenen zurückhaltenden Art bei Hieronymus Preller für das Mahl. Doch Hieronymus hatte keine Zeit und winkte ab. Er stritt immer noch mit dem Händler, während draußen vor der Tür auch die Knechte der beiden Herren aneinander gerieten. Siebenpfeiffer beeilte sich, aus dem Haus zu gelangen.
"Es ist natürlich keine Welt für einen Gelehrten", sagte er auf dem Weg zum Kloster zu Klaus, als wolle er sich entschuldigen, dass er für eine Schüssel Suppe sich derart erniedrigte.
"Es ist eine sehr angesehen Familie in der Stadt", erwiderte Klaus. Er wäre froh gewesen, wenn er so ein Privileg gehabt hätte. Die Aussicht, Katharina sonntags in der Messe zu treffen, erfüllte ihn bereits mit einem beglückenden Gefühl. Plötzlich durchlief es ihn siedendheiß. Es gab eine Möglichkeit, Katharina jeden Tag zu sehen. Und ganz nah!