Inzwischen war die Leiche des Ritters Heinrich vom Platz getragen worden. Bodo hatte Gundrams Pferd eingefangen, das nahe daran war durchzugehen. Gundram ließ sich vom Pferderücken gleiten und taumelte mit kraftlosen Schritten zur Ehrenloge. Er riss sich den Helm vom Kopf und kniete im Sand der Turnierbahn vor den Edeldamen und dem Herzog nieder. Triumphierend blickte er zu Isabella empor. Über sein schweißüberströmtes Gesicht sickerte ein dünner Blutfaden, der vom Stoß der Lanze seines Gegners stammte. Gundram schien es nicht zu bemerken.
Die vielen Zuschauer jubelten ihm nun zu, Blumen flogen in hohem Bogen in den Sand der Kampfbahn. Erwartungsvoll hob Gundram den Kopf.
"Nun wirf ihm dein Tuch zu!", forderte der Herzog sie auf.
Isabella starrte auf das grinsende Gesicht, das von der roten narbe entstellt wurde. Er würde ihr Gatte werden! Er würde sie vor den Altar führen! Mit ihm müsste sie nachts das Lager teilen! Panik ergriff sie.
"Na los, worauf wartet Ihr?", zischte Mathilda.
Gundram verharrte immer noch in seiner demütigen Stellung. Sein Knappe Bodo stand hinter ihm und hielt sein zitterndes Streitross. Alle Augen hefteten sich auf Isabella. Entsetzt starrte sie hinunter auf den Turnierplatz. Sie schluckte schwer und fuhr mit der Zungenspitze über ihre ausgetrockneten Lippen. Sie schmeckte Staub und salzigen Schweiß.
Langsam erhob sie sich, und Gundrams Lächeln wurde breiter. Verzweifelt knetete sie das Spitzentuch zwischen den Fingern.
Ritter Michael! Wo war er? Warum war er nicht zu dem Turnier angetreten? War er eine Illusion, ein Wunschtraum, dem sie nachjagte? Ihre Hände umkrallten die mit bunten Tüchern geschmückte Bande.
"ich gratuliere Euch zu Eurem Sieg, Ritter Gundram", sagte sie stockend. "Ihr habt Euch als ein mutiger Kämpfer erwiesen und als wahrer Ritter. Ihr tragt meine Farben weil Ihr mir zu Ehren gekämpft habt. Zu Eurem Sieg stifte ich diesen Pokal." Sie schwieg.
"Nun werft endlich Euer Tuch!" Mathilda rang die Hände. "Ihr macht Euch unglücklich!"
Isabella hob den Blick zum Himmel. Ihre Lippen bewegten sich, und nur die Umstehenden konnten vernehmen, was sie murmelte: "Am Ende kniet der Sieger vor seiner holden Maid, ein abgekämpfter Krieger in einem blutig Kleid. Das Kampfspiel war vergangen, der Ritter wollt den Lohn für sein gerecht Verlangen "
"Isabella! Nein!" Mathilda sprang auf sie zu und schüttelte ihre Schulter. "Das dürft Ihr nicht tun!"
Gundram hatte sich erhoben und mit wachsendem Erstaunen Isabellas seltsames Gebaren verfolgt. Sein Lächeln gefror auf dem Gesicht. "Was soll das?", fragte er misstrauisch.
Langsam senkte Isabella die Augen und blickte ihn an. "Es tut mir Leid, Ritter Gundram, aber ich kann Euch nicht zum Gemahl nehmen!"
Auf dem Turnierplatz herrschte Totenstille. Isabella zuckte zusammen, als Gundram seinen Helm fallen ließ, der scheppernd zu seinen Füßen davon rollte. Dann brach ein unbeschreiblicher Tumult los. Alle schrieen durcheinander, sprangen über die Banden und drängten zu Isabellas Loge.
Gundram stand noch immer mit törichtem Unverständnis im Gesicht vor der Loge und starrte Isabella an. Es wollte nicht in sein Gehirn dringen, was seine Ohren eben vernommen hatten. Isabella spürte die Hand ihres Vaters auf der Schulter. Mit einem Schluchzen riss sie sich los, warf den Stuhl um und rannte wie vom Teufel gehetzt hinüber zum Wohnturm.